Antonín Dvořák (1841-1904)

6. Symphonie, D-Dur, op. 60

„Dvořák ist unendlich fleißig, daher kommt es auch, dass er nur wenig Literatur kennt. Er kennt sogar nur ganz wenig von der Musikliteratur. Auch sonstige Bildung hat er nur wenig, aber Talent und eminentes Können“, so urteilte niemand anderes als Johannes Brahms über seinen Freund und Kollegen kurz vor seinem Tod. Damit tat er dem bekennenden Eisenbahnfreund sicher etwas unrecht. Heute ist sein Name vor allem mit seinem berühmten Cellokonzert, seinen „Slawischen Tänzen“ und der häufig gespielten 9. Symphonie in e-Moll „Aus der neuen Welt“ verbunden. Seine anderen Symphonien sind weitaus weniger beachtet, was sich auch darin zeigt, dass die allwissende Wikipedia nur einen Eintrag zur Symphonie Aus der neuen Welt verzeichnet.

 

Bekannt geworden war der Komponist in seiner Heimat durch seine 3. Symphonie, die 1874 unter der Leitung Bedřich Smetanas uraufgeführt worden war. Internationale Aufmerksamkeit bekam der 31-jährige Dvořák, als er 1874-77 jährlich ein österreichisches staatliches Stipendium für „junge talentierte, mittellose Künstler“ zugesprochen bekam. In der Jury saß unter anderem Johannes Brahms, der sich schnell von Dvořáks Talent begeistern ließ und ihm seinen deutschen Verleger Simrock vermittelte, der 1877 Dvořáks „Klänge aus Mähren“ verlegte und ihm somit zum Durchbruch verhalf. Diese Zeit wird in der Regel wegen seiner Bemühungen um tschechische Volksmusik als die erste slawische Phase im Schaffen Dvořáks bezeichnet, an dessen Ende die 6. Symphonie steht, die dem Sohn eines musizierenden Metzgers weitere internationale Aufmerksamkeit brachte. Entstanden ist die Symphonie als Auftrag des ebenfalls in Ungarn geborenen Dirigenten Hans Richter, der vielumjubelt die erste Bayreuther Aufführung von Wagners „Ring“ dirigiert hatte und seit 1875 Chefdirigent der Wiener Philharmoniker war. Im November 1879 trafen Dvořák und Richter das erste mal aufeinander; eine Begegnung, die der Komponist – zu Unrecht, wie sich rasch zeigen sollte – fürchtete, galt Richter doch als eingefleischter Wagnerianer und somit als potenzieller Gegner von Brahms. Richter dirigierte Ende 1879 in Wien ein Konzert, bei dem auch Dvořáks „Slawische Rhapsodie“ D-Dur op. 45 gespielt wurde. Auch wenn die Aufführung beim Wiener Publikum eher mäßige Reaktionen hervorrief, waren Richter und seine Musiker von dem Stück begeistert, und der Dirigent bestellte eine Symphonie für die Wiener Philharmoniker bei Dvořák. Nach zehn Monaten Arbeit war diese soweit fertiggestellt, dass sie Richter auf dem Klavier präsentiert bekommen konnte. Ihm wurde sie auch gewidmet, doch zur Aufführung durch die Wiener Philharmoniker sollte es erst einmal nicht kommen: das Orchester war ausgebucht und Dvořák wurde als nicht-deutscher Komponist Opfer von Ressentiments einiger Orchestermitglieder. So fand die Premiere unter der Leitung von Adolf Čech im März 1881 in Prag statt und wurde euphorisch aufgenommen. Richter dirigierte sie 1882 in London – die Wiener Philharmoniker, für die die Symphonie ja eigentlich geschrieben wurde, ließen sich geschlagene 60 Jahre mehr Zeit, ehe sie das Werk 1942 spielten.

 

Um die Zählung der Symphonien gab es einige Konfusion: Die 6. war Dvořáks erste veröffentlichte Symphonie, daher führte der Verleger Simrock sie als „1. Symphonie“, zusätzliche Verwirrung stiftete der Komponist selber, der sie als 5. Symphonie bezeichnete, denn eine erste Symphonie aus dem Jahr 1865 ging verloren, als er sie zu einem Wettbewerb nach Deutschland sandte (die Partitur wurde erst 1923 wiedergefunden und das Werk 1936 uraufgeführt).

Die 6. Symphonie bietet eine spannende Mischung aus deutschen und tschechischen Elementen – so wie Dvořák auch mit Smetana und Brahms befreundet war, dessen 2. Symphonie in der Formsprache deutlich als Vorlage gedient hatte.

Die aus vier Sätzen bestehenden Symphonien mit den Satzbezeichnungen 1. Allegro non troppo; 2. Adagio; 3. Scherzo (Furiant), Presto; und 4. Finale, Allegro con spirito beginnt in klassischer Sonaten-Form im ¾-Takt in D-Dur sanft mit dem ersten Thema, der Satz entwickelt sich und endet mit einem fortissimo des zweiten Themas. Als mögliche Inspirationsquellen für das erste Thema werden das tschechische Volkslied „Já mám koně“ oder der „Großvater-Tanz“, der Rausschmeißer bei den Wiener Opernbällen, genannt. Der zweite Satz ist eine Art Rondo mit Variationen, im dritten hören wir schließlich einen echten tschechischen Volkstanz, den „Furiant“, der schnelle und gut koordinierte Füße erfordert. Dieser Satz kam bei der Premiere so gut an, dass er als Zugabe gespielt werden musste. Das Finale folgt dann wieder der klassischen Sonaten-Form.

 

Als Ganzes ist die 6. Symphonie eine gelungene Mischung aus national-tschechischer Musik und deutschen romantischen Vorbildern. Sie fiel allerdings in eine Zeit der zunehmenden Nationalisierungen, die Werke nicht-deutscher Künstler in Wien mehr und mehr von den Spielplänen verbannte. Außerhalb Wiens aber feierten Dvořák und seine 6. Symphonie schnell Erfolge. Vor allem in London war sie so populär, dass Dvořák sie dort in der Royal Philharmonic Society 1884 unter großem Beifall aufführte. Wenige Wochen später wurde er sogar Ehrenmitglied dieser hochangesehenen Musikgesellschaft. „Je mehr Dvořák, desto besser“, schrieb ein Kritiker anlässlich des Konzertes.

 

Ob im ersten Satz – im ersten Thema, also an prononcierter Stelle –  nun national-tschechische Einflüsse oder in Wien beliebte Melodien Pate standen, wird sich wohl nicht klären lassen. Aber vielleicht ist das auch gar nicht nötig, denn gerade in dieser Ambivalenz der Einflüsse könnte ein Schlüssel zum Verständnis des Werkes liegen. Spätestens beim Furiant möchte man aufspringen und die Jungen Symphoniker als Tanzkapelle spielen lassen.

 

Philipp Menger

 

Letzte Aktualisierung: 8.08.2010